Prozessdynamiken in „engagierten“ Projekten

Natürlich brauchst du eine gute Idee und einen Plan, was dein Projekt sein soll und wie es zu verwirklichen ist, um etwas anbieten und darüber reden zu können. Eine perfekt ausgearbeitete Idee kann hingegen eher hinderlich sein, wenn es zu wenig Raum für die „Anderen“ zum Mitreden und Mitgestalten gibt. Du brauchst also eine gut vermittelbare Idee – und zugleich die Bereitschaft, diese umzubauen, Anregungen aufzugreifen, auf neue Chancen und Kontakte zu reagieren.

Plane ein mögliches Scheitern deiner Projektziele mit ein und lerne gegebenenfalls daraus. Projekte mit Aktivierungs-Anspruch können gar nicht perfekt sein, denn ein noch besserer Output (bei mehr Zeit und finanziellen Ressourcen etc.) ist fast immer möglich. Und du kannst es (fast nie) allen recht machen, denn das Aufspüren von Konfliktzonen ist ja häufig elementarer Bestandteil eines Projekts. Zu viel Harmonie ist ohnehin ungesund. Finde einen Pfad zwischen der Ambition, die dich antreibt und das Vorhaben attraktiv macht, und der Bescheidenheit, das Projekt an die vorhandenen Ressourcen, Kapazitäten der Beteiligten und an Unvorhergesehenes anzupassen.

Achte auf die Prozessdynamik in deinem Projekt, d.h. auf die häufig unausgesprochen bleibenden Reaktionen der Beteiligten im Umfeld. Entwickle Szenarien entlang von „Kippunkten“ wie etwa: „das Projekt kommt nicht vom Fleck“, „das Projekt stürzt ab“, „das Projekt hebt ab“. Dies deshalb, um ein Gespür dafür zu haben, bis wann du spätestens reagieren musst bzw. kannst. Sichere dir das Gesicht wahrende Exit-Optionen, um ein mäßig laufendes Projekt nicht sinnlos in die Länge zu ziehen.

Im Feld Kunst und soziale Praxis meint z.B. Wirksamkeit (oder „Nachhaltigkeit“) von Projekten häufig die spätere Verankerung in Form irgendeiner Institutionalisierung, z.B. über die Gründung eines Trägervereins oder die kontinuierliche Nutzung von Räumlichkeiten u.a.m. Allerdings haben die meisten Projekte einen Beginn und ein Ende, sind als Unikate oder als Tropfen auf den heißen Stein angelegt, ohne danach in irgendwelche Strukturen eingebettet zu werden. Deshalb nennt man sie auch Projekt. Die Überfrachtung mit Ansprüchen zieht oft mehr Energie ab als sie zuführt. Vor allem aber: Die Durchführenden (also du) sind längst auf Formen der temporären Projektarbeit spezialisiert, dasselbe gilt jene „Beteiligten“, die daran mitwirken! Man/frau will ja demnächst auch wieder etwas anderes tun!

Baue einen „würdigen“ Abschluss in dein Projekt ein! Achte darauf, nicht nur Energie darauf zu verwenden, deine Zielgruppen zu erreichen und inhaltliche Aktivitäten zu setzen oder Diskussionen anzuzetteln. Vergiss jedenfalls nicht darauf, einen geeigneten Abschluss einzuplanen (sofern es sich nicht um eine einmalige Intervention handelt): ein Event mit einer Präsentation, Diskussionsrunde, mit Möglichkeiten für informellen Austausch danach u.a.m. Neben der Aufgabe, die gesammelten Eindrücke auf einer inhaltlichen Ebene zu vermitteln, wird durch einen Abschlussevent ein symbolischer Akt gesetzt, nämlich die Rückübertragung der Verantwortung an deine Zielgruppe. Für dich selbst ist dieser Moment das Signal, von diesem Projekt loszulassen. Bedenke außerdem: ein klar kommuniziertes Ende ist von den intensiver Beteiligten nicht zu übersehen. Das ist wichtig, denn nichts irritiert Mitwirkende mehr, als das Gefühl zu haben, nach dem Aufbringen von viel eigenem Engagement irgendwo am Weg zurückgelassen zu werden, frei nach dem Motto: „Schenken und wieder holen ist wie gestohlen“. Ideal wäre es natürlich, aus deinem Adressatenkreis einige Menschen zu finden, die mit euren Ergebnissen weiterarbeiten können und wollen. Allerdings ist das leichter gesagt als getan.

Bedenke, dass du als (Mit-)Erfinder deines Projekts auch eine Verantwortung gegenüber allen Mitwirkenden hast. Und als je geschickter du dich erweist, umso mehr vertraut man/frau darauf, dass du das Ding schon irgendwie schaukeln wirst. Die Arbeit bleibt also bei dir hängen. Stelle dich darauf ein, dass die manchmal leidvolle Erfahrung auch für dein Projektumfeld gilt: „TEAM = toll, ein anderer macht‘s!“.

Apropos: Auch gelungene Projekte mit Aktivierungsanteilen haben so ihre Tücken. Hier gibt es ein Dilemma, insbesondere dann, wenn du mehrere Projekte parallel oder nacheinander verfolgst oder vom Aktivierungs-Job leben musst: Wenn es gut läuft, wirst du schnell als „ExpertIn“ für bestimmte Formate oder Zielgruppen wahrgenommen. Das macht Folgeprojekte vermutlich leichter, kann aber auch zur „Kompetenzfalle“ werden, die dich behindert, wenn du dich für etwas Neues interessierst. Du kommst also gerade dann nicht leicht von deiner Baustelle runter, wenn du vieles richtig gemacht hast!

Advertisements


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s