Reflexion zum Arbeitsprozess, Tina Murg

Zu Beginn meiner Reflexion über das Interdisziplinäre Forschungsprojekt im Art(s)&Sciences Call 2009 des WWTF „Praktiken des Empowerment in Kunst und Sozialwissenschaft“ kommt in mir eine bildliche Vorstellung auf, die ich an dieser Stelle kurz erläutern möchte: Ich nahm den sich über mehr als zwei Jahre erstreckenden Prozess als lebendiges, amorphes „Gebilde“ wahr, dessen Ausdehnungen sich in diesem Zeitraum stetig veränderten. Vielleicht ist es mit einem „Strauch-Gebilde“ assoziierbar. Manche „Äste“ blieben einzelstehend, andere gruppierten und verdichteten sich. So geschah dies auch mit der komplexen Themenvielfalt innerhalb des Projektes beziehungsweise mit den teilnehmenden Personen-/ Forschungsgruppen. Unterhalb der Oberfläche betrachtet, ergab sich ein ineinander greifendes, eventuell an manchen Stellen „verknotetes“, tragendes Wurzelwerk, auf dessen Basis Verzweigungen und Verästelungen aus dem Boden herausragen konnten. Dies wäre mit den VerantwortungsträgerInnen, ProjektantragstellerInnen und ProjektpartnerInnen gleichzusetzen. Als wir als Studentinnengruppe in das Projekt dank Elizabeth McGlynn und Barbara Putz-Plecko im Jahr 2010/11 mit-/einstiegen, waren für uns viele Parameter – das Gesamt-Projekt betreffend – unklar, vielleicht zu gewissen Zeitpunkten auch un.wichtig, manchmal un.durchschaubar. Wir bildeten – ausgehend von einem Zweig – einen weiteren, mit vielen Verästelungen in unterschiedliche Richtungen. Jede teilnehmende Studierende entwickelte innerhalb eines offenen Lehrveranstaltungsformates eigene Zugänge. Die uns angebotenen sozialwissenschaftlichen Themengebiete boten reichhaltigen Inhalt für vielschichtige Formen der Auseinandersetzung. Durch unser Andocken an ein Gesamt-Projekt, das in seiner Organisationsstruktur bereits bestand, ergaben sich zeitliche Flexibilitäten und wir mussten keine direkten Verantwortungsbereiche übernehmen. Wir hatten ab und an die Möglichkeit, an Diskussionsrunden oder Besprechungen teilzunehmen bzw. wurden durch Elizabeth McGlynn mit-/vertreten. Dies bot gewiss einen zeitlichen Vorteil. Der Nachteil durch diese eher lose Form des Eingebunden-Seins bestand in der sich aufbauenden Komplexität des Projektes: Vieles wurde, wie bereits angekündigt, un.durchschaubar- oder um beim Anfangsbild zu bleiben: Strauch-Dickicht gab es an gewissen Stellen. Gleichzeitig aber entwickelten sich auch „innerstudentische“ Kooperationen. Intensiver Austausch und gemeinsame „Entwicklungsschritte“ im Rahmen der künstlerischen Projekte waren sehr bereichernd! Den inhaltlichen Ausgangspunkt bildete für uns eine intensive Beschäftigung mit sozialwissenschaftlichen Themen, Texten und Forschungsmethoden. Parallel und/oder zeitgleich entstanden „Fingerübungen“, Formen der künstlerischen Auseinandersetzung und erste Forschungsansätze. Anschließend gab es eine Einbindung in das Modul 4 des Arts & Science Calls, wo die wechselseitige Aufgabe bestand, sich unter dem Gesichtspunkt der Frage nach „Empowerment“ zu beobachten, also „Wissenschaft beobachtet Kunst“ und „Kunst beobachtet Sozialwissenschaft.“ (vgl.siehe:http://www.zoblschneider.net/ artwork/arts-science-project.html) Die Wechselseitigkeit dieses Vorhabens gestaltete sich als mitunter schwieriges Unterfangen. Zu zweit interessierten wir uns für die Kooperation mit einem Forschungsinstitut, das nicht als direkter Projekt-Partner beteiligt war, wovon wir erst mit der Zeit erfuhren. Eine direkte Form der Kooperation mit queraum erwies sich als äußerst schwierig – kaum durchführbar, da zeitliche und (aus heutiger Sicht sicherlich auch) finanzielle Ressourcen für einen intensiveren Austausch für das Institut kaum bis gar nicht vorhanden waren. Es wäre für zukünftige Projekte sicherlich förderlich, mehrere Ansprechpartner zu haben und auch die notwendigen Ressourcen dafür sicherzustellen. Von Kunst-Seite her gab es eine Vielzahl an Beteiligten, von sozialwissenschaftlicher Seite her blieb es (mit kurzzeitiger Ausnahme) v.a. bei den ProjektkoordinatorInnen von FORBA (Ursula Holtgrewe, Hubert Eichmann). Allerdings ergab sich für meine Kollegin und mich eine interessante Begegnung, eine Form des Austausches mit den Auftraggebern der bearbeiteten Studie, die vielleicht unter anderen Umständen nicht stattgefunden hätte. Für das Ausstellungsformat wurden wir von VerantwortungsträgerInnen im Bereich der MA 18 mit wichtigen Materialien versorgt. Eine Auswahl an exemplarischen Unterlagen, die innerhalb der Studie Verwendung fanden, bzw. einen knappen Einblick in zwischenzeitliche Ergebnisstrukturen wurden seitens queraum vorab zur Verfügung gestellt. Somit hatten wir Anhaltspunkte, auf die wir uns in der künstlerischen Umsetzung inhaltlich bezogen. Persönlich und in nachfolgenden Diskussionen mit Beteiligten konnte man nach der Umsetzung der Projekte in Bezug auf die „Empowerment-Forschungsfrage“ Schlüsse ziehen. Es galt diese weiterzukommunizieren und zu diskutieren. Die Ausstellung im Spätherbst 2012, mit dem Titel „deconstruct“ führte uns auch auf praktischer Ebene mit den Projektverantwortlichen und den Projekt- PartnerInnen in einer „intersdisziplinären Arbeitsgruppe“ zusammen. Wir erfuhren wertschätzende Eingliederung in das Gesamtvorhaben, auch schon im Vorfeld. Die Ergebnisse wurden wechselseitig (tiefergehend) kennengelernt und diskutiert. Das praktische Arbeiten und die theoretische Auseinandersetzung boten Gelegenheit, mit der Dichte an (im Laufe der einzelnen Projektphasen) aufgebrochenen Fragestellungen und Beobachtungsergebnissen noch einmal intensiviert auf Tuchfühlung zu gehen. Die alles begleitende Forschungsfrage, ob und wie mit künstlerischen Interventionen und/oder sozialwissenschaftlicher Forschung praxisrelevantes Wissen generiert werden kann, das die Handlungsmöglichkeiten der „Betroffenen“ erweitert, war bis zu diesem Zeitpunkt meiner Ansicht nach noch nicht ausreichend „geklärt“. Es gab viele „Baustellen“ innerhalb des Forschungsprojektes. Von sozialwissenschaftlicher Seite her wurden Leitlinien erarbeitet, eine Fallstudie geschrieben – doch z.B. nicht in Bezug auf alle beteiligten künstlerischen Projekte… Innerhalb der Ausstellung bot sich noch einmal die Möglichkeit einer „Zusammenschau“, in verdichteter Form. Diskussionsformate an den einzelnen Abenden der Ausstellungswoche boten den offiziellen Rahmen dafür. Von „außenstehenden“ Ausstellungsbesuchern, die vorab kaum bzw. nicht in den „Prozess der Themen-Verhandlung“ involviert waren, kamen allerdings Rückmeldungen, dass man inhaltlich schwer folgen konnte beziehungsweise in den sprachlichen Gebilden, die sich innerhalb eines Abends aufbauten, die Dichte der Vorarbeit widerspiegelte, die noch nicht beendet schien. „Sprache“ wurde innerhalb des Projektes zum Gebilde, zum Objekt, zur „alles-umhüllenden“ Skulptur. „Sprache“ als eine, das „Struktur-Gebilde“, von dem zu Anfang der Reflexion die Rede war, einhüllende skulpturale Form. „Cloud-ähnlich“ würde ich sie bescheiben. Das Gesamt-Projekt bot sicherlich die Möglichkeit eines „Sprachen-Lern- Programmes“: Sozialwissenschaften versus Kunst und umgekehrt. Dieses, verbunden mit dem „Einfühlen“ in sich daraus generierende Denk-Prozesse kann meiner Meinung nach als wichtige Form des „Empowerments“ innerhalb aller Beteiligten geltend gemacht werden. Der Abbau der Ausstellung fand im Verhältnis zum Zeitraum davor beinahe „wortlos“ statt: Gegenseitige Unterstützung, bzw. Bestärkung oder auch „Ermächtigung” wurde durch simple, gemeinsame Handlungen auf sehr subtiler, konkret-erfahrbarer Ebene zwischen KünstlerInnen und SozialwissenschaftlerInnen spür- und erlebbar. Das Strauch-Gebilde ist gepflanzt und gewachsen nun gilt es die „Cloud“, die sich darüber ausgebreitet hat, weiterziehen zu lassen, vielleicht zu neuen Kooperationen, die in gemein – samen Prozessen die Thematik weiter beforschen. 

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