Kunst – Wissenschaft – Arbeit. Beobachtungen, Strategien und Tätigkeiten

von Ursula Holtgrewe

Die Idee des Projekts war schon gewagt: KünstlerInnen und WissenschafterInnen beobachten einander mit den Werkzeugen und Medien des je eigenen Feldes. Die Beobachtung bezieht sich auf solche Praxen und Projekte, die (in einem wie immer vagen Sinn) auf Empowerment zielen, also auf die Ermächtigung Dritter, die Erweiterung ihrer Handlungs- und Ausdrucksspielräume. Und schließlich sollen solche Praxen in der Arbeitswelt verortet sein bzw. einen Bezug dorthin haben.

Das ist theoretisch wie praktisch ambitioniert und hoch voraussetzungsvoll, wie wir erfahren haben, und war in dieser Menge an Akteuren, Perspektiven und Gegenständen forschungspraktisch nur mit Einschränkungen machbar.  In der Tat bestand das Projekt durch die konkreten Kooperationen von KünstlerInnen und WissenschafterInnen und die gemeinsamen Besprechungen und Diskussionen in einem gemeinsamen Lernprozess, in dem  die vielfältigen Hindernisse und Grenzen, auf die wir gestoßen sind, genau so von Bedeutung waren wie die materiellen und kommunikativen Prozesse und schließlich die herzeigbaren Ergebnisse. Praktisch wurde ein Methodenmix eingesetzt, der Beobachtungen Interviews und Fallstudien (mit künstlerischen und sozialwissenschaftlichen Methoden) ebenso umfasste wie Videodokumentationen gemeinsamer Diskussionen und „Führungen“ durch die jeweiligen Felder und Ereignisse.

Empowerment

Zunächst schillert schon einmal die Vokabel des Empowerment. Ist das überhaupt möglich oder schon reichlich präpotent: „ich ermächtige dich“? Das geschieht durchaus, in verschiedenen sozialen Kontexten: Organisationen etwa übertragen ganz formell ihren Mitgliedern bestimmte Funktionen und Verantwortlichkeiten, Vollmachten und Befugnisse sind rechtliche Institutionen und „Unbefugten ist der Zutritt verboten“. Aber auch in Interaktionen und Institutionen des Lernens, Beratens oder des Heilens unterstützen (oftmals) Professionelle  ihre KlientInnen bei der Entwicklung neuer oder wiederzufindender Fähigkeiten, Ausdrucksformen oder Handlungsspielräume. Das sind die institutionalisierten Formate des Empowerment – denen man aus institutionenkritischer Sicht entgegenhalten kann, dass sie qua Institutionalisierung voraussetzen, dass Menschen sich in die Rollen von KlientInnen und Professionellen begeben, und aus diesen Rollen und Erwartungen heraus mit der Hilfe und Unterstützung unvermeidlich Machtasymmetrien und Funktionalisierungen verbunden sind.

In der Gesellschaftstheorie finden sich desgleichen unterschiedliche Sichtweisen. Da sind auf der einen Seite die emphatischen Perspektiven der (Selbst-)Ermächtigung,   der Aufbrüche und Emanzipationsprozesse, die oftmals durch soziale Bewegungen und sympathisierende KünstlerInnen oder WissenschafterInnen vertreten werden. Hier ist das Ziel häufig nicht nur die Ermächtigung der Individuen, sondern das Anstoßen gesellschaftlichen Wandels in eine Richtung erweiterter Möglichkeiten und Spielräume für viele.

Auf der anderen Seite finden sich die kritischen Sichtweisen, die „hinter“ der Rhetorik der Befreiung oder Entfaltung die Formierung eigenverantwortlicher und zurechnungsfähiger Subjekte ausmachen, die sich dann umso selbstgesteuerter in fremdbestimmte Herrschafts- und Marktverhältnisse einpassen. Einflussreich haben Boltanski und Chiapello diese Dialektik argumentiert. Die „Künstlerkritik“ kultureller Avantgarden an Entfremdung, Beschränkung und Inauthentizität, welche der industrielle Kapitalismus den Individuen auferlegt habe, sei vom „neuen Geist des Kapitalismus“ und dem Wandel in den Mechanismen kapitalistischer Kontrolle in Richtung auf verantwortliche Autonomie, charismatische Führung und Unternehmertum absorbiert worden (2003). Dieser habe sich die kritisch und demokratisierend intendierten Programme und Praxen der kreativen Entfaltung, des Empowerment und der Mobilisierung zu eigen gemacht und sie für Zwecke der Legitimation entgrenzter und enthusiastisch aufgeladener Anforderungen an Arbeitende und KonsumentInnen (und wohl auch zur direkten Wertschöpfung ) eingespannt.

Eine neutral-kontextbezogene  Sichtweise hält beide Arten sozialer Prozesse für wahrscheinlich und rechnet damit, dass Befreiung und Vereinnahmung immer wieder ineinandergreifen – aus dem Grund der sozialen Strukturiertheit sozialer Räume, Praxen und Beziehungen, aus der man nicht herauskommt. Die Handelnden können sie  womöglich an einem Ende gestalten und transformieren, um am anderen Ende doch wieder, verstehend oder blind, auf die historischen, institutionellen oder biographischen  Gegebenheiten zu treffen. So betrachtet, sind die Elemente der Emanzipation und Subsumtion nur empirisch und dann analytisch zu trennen.

Künstlerische und soziale Praxen des Empowerment

Logischerweise beziehen sich Praxen des Empowerment in Kunst und Wissenschaft (anders als im Management) überwiegend auf die emphatische Lesart des Begriffs. SozialwissenschafterInnen verstehen sich als „engagiert“, indem sie in die Gesellschaft, die sie beobachten, hineinwirken wollen. Sie verlassen dazu den Beobachtungsposten, betreiben „öffentliche Soziologie“ (Burawoy 2005), mischen sich in Diskurse und Debatten ein, und stellen ihre Befunde gesellschaftlichen Akteuren und „Betroffenen“ zur Verfügung. Oder sie suchen diese gleich zu mobilisieren, Probleme zu lösen und Aktionen zu setzen. Stichworte sind etwa Aktionsforschung oder auch „soziale Innovation“.  KünstlerInnen betreiben „Kunst im sozialen Raum“, „gestalten in der Welt“ (Beuys) und verfolgen Projekte „von, für, über, mit“ Andere(n) (McGlynn, Putz-Plecko). Beide verlassen also bewusst und ambitioniert ihre etablierten Disziplinen, Orte oder Funktionssysteme, überschreiten Grenzen, betreten andere Felder und setzen sich mit den dortigen Akteuren auseinander.

Das sind immer wieder experimentelle, explorative und ergebnisoffene Prozesse, in denen die Gestaltungsambitionen  der MacherInnen auf die Eigenlogiken ihrer jeweiligen Aktionsfelder und die Deutungen und  Interessen der dort Handelnden treffen. Sie treffen zudem auch auf die gesellschaftlich und feldspezifisch institutionalisierten Erwartungen an kontextbezogene Kunst oder Wissenschaft. Es sind ja nicht nur die aktivistischen und inspirierten ProjektemacherInnen, die in die für sie neuen sozialen Räume aufbrechen. Auch in der Kultur- und Wissenschaftsförderung hat ja in den letzten Jahren die ergebnisoffene, grundlagenorientierte Praxis massiv an Legitimation verloren, und es wird in allseitigen Ausschreibungen gesellschaftliche Wirksamkeit und Anwendbarkeit gefordert – der viel beschworene „impact“ ist übersetzt ein Aufprall und es fragt sich, wer oder was da auf was prallt. Dementsprechend institutionalisieren sich auch die Praxen und Positionierungen des Einwirkens auf das Soziale wieder: Es entstehen   neue (Quasi-)Professionen wie KunsttherapeutInnen, Unternehmenstheater, KuratorInnen, Wissenschafts-PR und die verschiedenen Beratungsgenres.

Kontextwechsel und Projektarbeit

Wenn man sich in soziale Kontexte außerhalb der eigenen Felder begibt, ist dies ein spannungsvolles Unternehmen:  Man bewegt sich zwischen „Größenwahn und Ohnmacht“, Gestaltungsambition und Bescheidenheit – die Ambition braucht es, um überhaupt ein Projekt zu initiieren, die Erfahrungen der Ohnmacht kommen früh genug. Da die Felder der künstlerischen wie wissenschaftlichen Innovation ihrerseits von institutionalisierten Erwartungen durchzogen sind, bewegen sich die Akteure zwischen „braver“ Funktionserfüllung und Transformation oder Überschreitung von Erwartungen. Paradox wird es, wenn die Erwartung besteht, dass sie Überraschungen erzeugen.  Interventionen also bewegen sich grundsätzlich zwischen der Eigenlogik der sozialen Kontexte, in denen man agiert,  und der Logik des eigenen Projekts, das seinerseits begrenzte Ressourcen, und vermutlich einen Anfang und ein Ende hat.  Freilich sind in Projektlogiken, wie Boltanski und Chiapello zu Recht bemerken, die Übergänge zwischen Projekten kritische Bewährungsproben für die MacherInnen. Projekte in Kunst und Wissenschaft haben eine Art, auszufransen, sich zu überlagern und einander im Weg zu stehen: Sind sie erfolgreich, so erzeugen sie Aufmerksamkeit oft erst nach dem „Abschluss“, aus der wiederum Vermittlungsaktivitäten, Anfragen, Einladungen und Erwartungen entstehen, dass an dem eigentlich abgeschlossenen Projekt weitergearbeitet werden möge. Da solche Erwartungen vielfach nicht mit Ressourcen ausgestattet sind, müssen ProjektarbeiterInnen andererseits vor oder während des Abschlusses des einen Projekts ein nächstes oder anderes aufstellen – und wenn alles gut läuft, sind sie mit dem dann beschäftigt, wenn sie erst  mit dem anderen   identifiziert werden. Das sind generische Anforderungen an projektförmiges Arbeiten, die aber, wenn sie mit Grenzüberschreitungen in andere soziale Kontexte verbunden sind, noch ein Stück weniger berechenbar sind.

Entdeckungen

Obwohl oder weil die am Projekt Beteiligten von beiden Seiten erfahrene GrenzgängerInnen in solchen Feldern und sozialen Räumen sind, gab es in der Interaktion und wechselseitigen Beobachtung jede Menge Überraschungen und Entdeckungen. Mich als Sozialwissenschafterin, die seit einigen Jahren rein projektfinanzierte Forschung macht, hat an den  Zugangsweisen der KünstlerInnen zuerst der ungeniert subjektive Zugriff auf die Gegenstände beeindruckt. Der Anregungsgrad und die Sexiness eines Themas  waren allseits anerkannte Kriterien der Bewertung. die KollegInnen „durften“ (oder mussten?) unmittelbar aus dem Bauch heraus auf Themen, und Eindrücke reagieren.

Die materielle und ästhetische Seite von Arbeitsprozessen und Umgebungen bekam eine hohe Bedeutung. Forschungsberichte als Stapel bedruckten Papiers, Schreibtische, Teebeutel – für WissenschafterInnen in der wissenschaftlichen Arbeit Randerscheinungen, von denen wir abstrahieren – wurden als künstlerisches Material eingesetzt. Statt mit einer Fußnote oder Notiz kann man eine wissenschaftliche Untersuchung über das Reinigungsgewerbe auch kommentieren,  indem man ein Stück gebrauchten Wettex daraufklebt.

Angestrebte Ergebnissse blieben furchterregend lange offen. Waren die KünstlerInnen in die Produktion eingestiegen, so folgten häufig ausgiebige Übersetzungen und Transformationen des Materials – von Text zu Stickerei zu Foto, von Diskussion zu Video (auch mehrfach wiederholbar) bis eine künstlerische Stimmigkeit erreicht war.

Diese Momente des Spontanen, Spielerischen und Gestalthaften – und der Freude daran, Kohärenz herzustellen – gibt es in der wissenschaftlichen Arbeit selbstverständlich auch. Nur genießen wir sie merklich „heimlicher“. Sie  sind umgeben von demonstrativer Solidität, von Methoden, Fußnoten, Management-Werkzeugen und akademischen Umständlichkeiten. Das wissenschaftliche Subjekt ist ein gutes Stück vorsichtiger, bedenklicher und furchtsamer, scheint mir – wiewohl, wie wir hören,  Hinsicht und Rücksicht auf Positionen im Feld, Vermarktungsgelegenheiten und Themenkonjunkturen wohl auch in der Kunst vorkommen.

Die sozialen Räume: Arbeitswelt?

Indem sich Kunst und Wissenschaft dem sozialen Raum zuwenden und dort Wirkungen entfalten wollen, werden naheliegenderweise diese Umwelten zum Problem. Wir sind nicht mehr „nur“ auf ein Publikum und dessen Aufmerksamkeit angewiesen und konkurrieren darum (wobei das Publikum in beiden Feldern nicht zuletzt aus den eigenen KollegInnen besteht), sondern darauf, dass dieses Publikum seine eigene Rolle transformiert, dass es sich aktivieren oder mobilisieren lässt, „mitmacht“ und dem Projekt eigene Beiträge zur Verfügung stellt. Dieses Problem haben SozialwissenschafterInnen per Definition schneller als KünstlerInnen, denn empirische Sozialforschung ist ja auf  mehr oder weniger zeitaufwändige Beiträge der zu Untersuchenden angewiesen. In diesem Sinne sind wohlgemerkt  die „Daten“ eben nichts Gegebenes, sondern etwas, was den WissenschafterInnen erst gegeben oder hergeschenkt werden muss. Das, der sogenannte „Feldzugang“, ist ein methodisch eher selten diskutiertes und geradezu verschämt behandeltes Forschungsproblem, in das oftmals unabsehbar hoher Aufwand und letztlich unsichtbare Wissenschaftsarbeit fließen. Kunstkollegin Beatrix Zobl klagte desgleichen in einer Diskussion über die  undankbaren Rollen, in die man gerät, wenn man Zugänge oder Kooperationen  aushandelt: „wir sind immer die, die was wollen“.

Insbesondere in der Arbeitswelt ist legitimes Beobachten hoch voraussetzungsvoll. Betriebe sind rechtlich wie sozial geradezu das Gegenteil öffentlicher Räume (Negt/Kluge 1972). Hier muss man Zugänge also mit den Spitzen der Hierarchie aushandeln und Arbeitsbündnisse schließen – und dann, in einem separaten Schritt die dort Beschäftigten zur Mitarbeit gewinnen.  Die sozialwissenschaftliche Forschung hat hierfür ausgefeilte Regeln und Standards „guter Praxis“, die auf informierte und freiwillige Einwilligung und Anonymisierung setzen. Recht, Datenschutz, Respekt und Taktgefühl türmen dennoch vielfach beachtliche Hindernisparcours auf. In der Kunst wird über die Spielregeln künstlerischer Forschung und Praxis, soweit wir es überblicken, eher normativ, in Begriffen von Respekt und Wertschätzung diskutiert. Andererseits gehören Grenzüberschreitung, Regelverletzung und Provokation ins künstlerische Repertoire. Das lässt weiten Raum für situierte Aushandlungen und ergebnisoffene Prozesse, aber auch für eine gewisse Selbstimmunisierung gegen Kritik.

Die „Betroffenen“ oder zu empowernden AdressatInnen  solcher Interventionen haben wiederum ihre eigenen Relevanzen, Kontexte und Interessen. KünstlerInnen wie WissenschafterInnen haben im Projekt die leidvolle Erfahrung gemacht, dass sie auch Desinteressen haben. Manch eineR und mitunter sogar viele machen einfach nicht mit, lehnen direkt ab oder steigen aus Verabredungen aus.    Das kann man ihnen schwerlich übelnehmen, wenn man sich die Frage stellt, warum sie eigentlich mitmachen sollten. Nur weil hier VertreterInnen von Handlungsfeldern auftauchen, die qua Habitus der Ansicht sind, dass die Menschheit eigentlich von Kunst, Wissenschaft und Partizipation gar nicht genug bekommen können sollte? Ärgerlich und kränkend für die motivierten GrenzgängerInnen ist es doch.

Vermutlich liegen hier die Gründe, dass das Genre der „Kunst im sozialen Raum“ in Betrieben vergleichsweise selten ist, wenn man eher beraterische oder dekorative Aktivitäten ausschließt. Es scheint geradezu, dass diese sich bevorzugt AdressatInnen  zuwendet, die außerhalb des Arbeitsprozesses stehen und über andere Institutionen erreichbar sind: Jugendliche, Alte, Menschen in Therapien, Obdachlose, Arbeitslose, AsylwerberInnen. Hier mag die postindustrielle Deutung eine Rolle spielen,  dass außerhalb der Erwerbsarbeit Unterprivilegierung und Exklusion im Hinblick auf Handlungs- und Partizipationsmöglichkeiten noch virulenter und Empowerment notwendiger ist. Ich vermute jedoch, dass die Gründe pragmatischer sind. Betriebe sind schwer zugänglich und ihr Zweck ist in der kapitalistischen Wirtschaft nun einmal nicht als erstes die Ermächtigung ihrer Beschäftigten. Wer ein Arbeitsverhältnis eingeht, entpowert sich ja per Definition, indem sie oder er Teile ihrer Kräfte, Fähigkeiten und Freiheiten unter das Direktionsrecht eines Arbeitgebers stellt. Deswegen haben Menschen im Betrieb häufig wenig Zeit und andere Relevanzen, und sie haben bei aller Rede von der „Entgrenzung der Arbeit“ ihre eigenen Praxen und Rituale, Grenzen und Verhältnisse zwischen Job und  dem Rest des Lebens herzustellen. Gerade unter Druck werden diese umso wichtiger und es sinkt die Bereitschaft, sich auf Nachfragen, Interventionen oder Durchbrechungen dieser Strukturen einzulassen. Andere, nicht erwerbstätige Gruppen   mögen schlicht und einfach mehr Zeit und Aufmerksamkeit übrig haben.

Erfolgreich?

Das Projekt, das uns idealtypisch vorgeschwebt hat, hat es nicht gegeben. Dort hätten Mitglieder des Projektteams aus Kunst und Wissenschaft gemeinsam einen Betrieb erschlossen,  in dem sich eine Gelegenheit für eine künstlerisch-sozialwissenschaftlich gestaltete und begleitete Intervention  gefunden hätte, die an irgendeinem, mit allen Beteiligten ausgehandelten Punkt die Handlungs- und Ausdrucksspielräume wenigstens einiger Beschäftigter erweitert hätte.

Aber wir wären keine flexiblen ProjektwerkerInnen und ForscherInnen in unseren jeweiligen Feldern, wenn wir nicht Wege gefunden hätten, mit diesen Grenzen umzugehen.  Der nächstliegende Weg ist, sie zum Thema zu machen und die Bewegung in den sozialen Raum hinein als offenen Prozess und das Projekt als Exploration zu verstehen (was in dieser seltenen Konstruktion möglich war). Man verschiebt also die Erfolgskriterien des Vorhabens vom gewünschten Handeln zum talk, und vom Ergebnis zum Prozess – der in der Dokumentation natürlich auch Ergebnisse in Gestalt von künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeiten liefert. Auf diesem Weg wird „Scheitern“ im Sinne nicht realisierter Pläne oder Ambitionen quasi unmöglich, denn es werden ja wiederum instruktive Erfahrungen gesammelt.

Das ist nicht nur Rhetorik und keineswegs illegitim. Vielmehr ist es eine genuin moderner Weg von Organisationen, Professionen und Individuen, mit den institutionalisierten Erwartungen der Plan- und Machbarkeit und des Erfolg-Habens in all den Feldern zurechtzukommen,  in denen Wandel und Innovation gefordert sind, der Erfolg aber nicht an der Qualität der eigenen Pläne liegt, sondern an Umständen, die man nicht beeinflussen kann. Nils Brunsson, ein Organisationssoziologe,  hat dies unter dem Titel „Mechanisms of Hope“ (2006) am Beispiel von Verwaltungsreformen gezeigt. Auch in Organisationen orientiert man sich von Ergebnissen auf Prozesse um, begnügt sich mit „Bewusstsein schaffen“ und verschiebt die Erreichung „härterer“ Ziele gern in die Zukunft oder an andere soziale Orte. Der Pfad zwischen angemessener Selbstbescheidung und sinnfreiem Drüber-Reden (das sich gegen Kritik immunisiert) ist dann schmal.

Resignieren muss man darum nicht. Wenn Gesellschaften oder soziale Bewegungen die soziale Situation Benachteiligter verbessern können und wenn sozialer Fortschritt und gesellschaftliches Lernen möglich sind, dann verlaufen sie ja über kommunikative und interaktive Prozesse. Diese gehen in den von dauerhaftem Wandel und allseitigem Aktivismus ermüdeten westlichen Zivilgesellschaften langsam und auf Umwegen. Dann ist das Schaffen von Situationen, Interaktionen und Diskursen über soziale Grenzen hinweg, die Hoffnung auf verteilte Einsichten, die an sozialer Wirksamkeit gewinnen,  ein zwar gegenüber den unternehmerisch präsentierten Visionen und Erfolgsstories sozialer Innovation weniger eindrucksvolles, aber in vielen Zusammenhängen völlig adäquates Ziel für die Bewegung im sozialen Raum.

Doch waren Diskurse und Interaktionen in der Zusammenarbeit mit KünstlerInnen nur die eine Hälfte des Geschehens. In unseren Projekten haben Abfall, Gebrauchtes und  Zweckentfremdetes wichtige Rollen gespielt. Die Nebenprodukte wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit sind zu Grenzobjekten und Bedeutungsträgern geworden, über die wir ins Gespräch und ins Tun gekommen sind. Die mit der Beseitigung der Nebenprodukte Beschäftigten, Putzfrauen und  Straßenkehrer, kamen zu Wort und ins Bild. Ausgeblendetes wurde künstlerisch multimedial, collagierend wieder eingeblendet. Auf solchen Wegen können wir den interventionistischen Bildern von Aufbrechen, Anschieben und „Aufprall“ andere, geduldigere an die Seite stellen: Räume öffnen, Kanäle graben, mit Abfall spielen, Fäden verknüpfen. In diesem Sinne erweitert der Zugriff unserer KunstkollegInnen auf das in den sozialen Räumen vorhandene oder hineinzutragende und zu gestaltende Material (in einem materiellen Sinn) die gemeinsame Sicht auf die sozialen und diskursiven Prozesse und Möglichkeiten, reichert den talk um ein Tun an, das etwas weniger planvoll, zielgerichtet und instrumentell ist als das organisierter Maßnahmen.

Literatur

Boltanski, Luc/ Chiapello, and Ève (2003):  Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: UVK

Brunsson, Nils (1989): The organization of hypocrisy. Talk, decisions and actions in organizations, Chichester u. a.:Wiley.

Brunsson, Nils (2006): Mechanisms of hope. Maintaining the dream of the rational organization, Malmö:Liber Universitetsforlaget.

Negt, Oskar/Kluge, Alexander (1972): Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt/Main: suhrkamp

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