Praktiken des Empowerment in Kunst und Sozialwissenschaft

Feedback: Kooperation und eigene künstlerische Arbeit („PLATZ-Prothese“)

Claudia Kragulj

Februar 2013

 

Praktiken des Empowerment in Kunst und Sozialwissenschaft

Ich war Teil einer Recherchegruppe, die aus Studentinnen der Universität für angewandte Kunst begleitet von Elizabeth McGlynn – in der Doppelrolle als Lehrerin und teilnehmende Künstlerin – bestand. Diese hat uns über zwei Workshop-Wochenenden (Herbst 2010 und Frühjahr 2011), sogenannten `Fingerübungen´, mit dem Themenbereich künstlerische Forschung im sozialwissenschaftlichen Bereich bekannt gemacht. Im Juni 2011 bekamen wir dann beim Projekt “Promenadologie”, Galerie Ardizon, Tatort Hernals die Möglichkeit teilzunehmen und erste  künstlerische Fingerübungen zu präsentieren und beim Runden Tisch „Salon Beauty Free: Un.Sichtbar – Un.Sicher“ zu diskutieren. Ab dann entwickelten wir unsere eigenen künstlerischen Arbeiten, die dann bei der gemeinsamen Ausstellung deconstruct (Sala Terrena, Heiligenkreuzer Hof, 1010 Wien) im November 2012 präsentiert wurden.

Es tat gut sich eine längere Zeit hindurch mit einem Thema befassen zu können und sich langsam an ein neues komplexes Themengebiet heranzutasten. Dies fand in einem abgesicherten Rahmen, im Kontext der Universität und der Lehrveranstaltungen, durch eine Lehrende begleitet und immer wieder in der Gruppe diskutiert, statt. Ich empfand dies als einen guten Rahmen, der Möglichkeiten zum Experimentieren bot. Gegen Ende des Projektes/der Kooperation bei der Ausstellung wurden unsere Arbeiten und Beiträge nicht bloß als solche von Studierenden präsentiert und diskutiert, sondern als künstlerische Beiträge zum großen Ganzen, was für mich eine Form des Empowerment darstellte und dies in Kombination mit der Tatsache, dafür in Form von Zeugnissen „entlohnt“ zu werden – unser symbolisches Kapital.

Damit ist meiner Meinung nach auch ein wichtiger Punkt bei der Kooperation zwischen KünstlerInnen und SozialwissenschaftlerInnen (und natürlich andere Kooperationen) und ihren sogenannten `Zielgruppen´ angesprochen: Wer hat was davon? – denn diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch ein Projekt durch, das sich mit Empowerment, Selbstermächtigung beschäftigt, bzw. kehrt wieder, wenn die Weichen nicht richtig gestellt wurden und in der Struktur der Zusammenarbeit Unklarheiten bleiben.

Die verschiedenen Kapitalarten (symbolisches, wirtschaftliches, akademisches, soziales etc.) müssen miteinander und zu aller Zufriedenheit ausverhandelt werden. Angedockt als Studentinnen-Gruppe sind wir stets davon abhängig, in wie weit dies die Mittlerperson, in unserem Fall Elizabeth McGlynn, als Lehrerin für uns tat. (ein Dankeschön! an sie). Diese Konstruktion hatte allerdings auch den Vorteil nicht die volle Verantwortung innerhalb des Kooperationskonstrukts zu haben, sondern sich auf die eigene künstlerische Arbeit konzentrieren zu dürfen. Dafür wiederum fand mein Kontakt zu den anderen KünstlerInnen und den SozialwissenschaftlerInnen von FORBA leider erst sehr spät und zwar beim Ausstellungsaufbau statt. Die sozialwissenschaftliche Institution QUERAUM, mit denen ich (sehr punktuell) zusammengearbeitet habe, war im Projektantrag nicht inkludiert, was Auswirkungen auf meine Kooperation mit QUERAUM – diese hatten sehr wenig Zeit und keine Ressourcen zur Verfügung – und mein Projekt hatte.

Ausstellungen sind ein Ort der Wissensproduktion und der Wissensvermittlung. Die Diskussionsabende und die kurzen Führungen, bei denen die KünstlerInnen und SozialwissenschaftlerInnen ihre Arbeiten präsentierten, waren sehr wichtig und dienten nicht nur dem Publikum sondern auch mir als Teilnehmerin dazu, Einblicke in ein sehr komplexes Feld zu bekommen und diverse Zusammenhänge und unterschiedliche Arbeitspraktiken zu verstehen. Wenn Prozesse sich materialisieren und visuell darstellbar werden, kann man besser über die Prozesse sprechen, die bis dorthin führten und die Verbindungen verstehen.

Um Ausstellungen als Orte nutzen zu können, bei denen auf einer anderen Ebene noch einmal neues, gemeinsam generiertes Wissen produziert wird (SozialwissenschaftlerInnen, KünstlerInnen, Publikum) muss jedoch ihre Bedeutung erkannt werden und diesen der nötige inhaltliche Raum, und die nötigen personellen und finanziellen Ressourcen gegeben werden. Externe kuratorische Leitung/Moderation und Ausstellungsproduktion, um Involvierte zu entlasten, hätten vielleicht ein Ausstellungsklima erzeugt, in dem noch mehr Raum für Diskussionen und Begegnungen möglich gewesen wären.

Was habe ich noch als empowernd erlebt?

Neben der erwähnten vorsichtigen Einbettung unserer Projektarbeiten in die universitäre Struktur und den Feedback-Schleifen von KollegInnen und Lehrenden, habe ich das Gefühl nun näher an meine künstlerischen Methoden gekommen zu sein, die mir Spaß machen.

Zudem entdeckte ich meine Freude am Kontakt mit anderen zu arbeiten z.B. den PassantInnen in meinem Projekt, mit denen ich während der Dreh- oder Fotoaufnahmen zu tun hatte.

Ich habe für mich durch die Gesamtkooperation einen großen Themenkomplex entdeckt, die künstlerische Forschung.

Durch mein eigenes Projekt bin ich zum Thema „der Raum und seine Wirkung“ gekommen, welches ich in noch zwei weiteren Projekten in diesem Semester bearbeitet habe.

Durch die Kooperation habe ich mich wieder inspiriert gefühlt mich mit wissenschaftlichen Texten und Theorien zu beschäftigen, um meine Projekte auch theoretisch einzubetten (z.B. das Thema Raum und P. Bourdieu, M. Foucault).

Ich habe es als Wertschätzung meiner künstlerischen Arbeit empfunden, an der Ausstellung der Angewandten beteiligt zu sein. Als Studentinnen wurden wir bei der Ausstellung zu gleichberechtigten künstlerischen PartnerInnen und namentlich am Plakat erwähnt.

Generell war es für mich eine wichtige Sache, an diesem Diskurs zum Thema Empowerment sowie transdisziplinäres Arbeiten teilnehmen zu können, welches mir bei zukünftigen Projekten (im außerschulischen Bereich) einen Erfahrungsbonus bringt.

Mit der PLATZ-Prothese habe ich mir ein Tool entwickelt, das ich als Mittel zur Kommunikation/Diskussion vielleicht auch in anderen Zusammenhängen einsetzen kann.

Praktisch-technisch gesehen habe ich mir zudem auch ein mobiles Objekt entworfen, mit dem ich Kameraaufnahmen von Bodennähe aus machen kann. In meiner Wohnung bzw. meinem Atelier nimmt die PLATZ-Prothese inzwischen unterschiedlichste Funktionen an: Sie wurde zur mobilen Sitzgelegenheit, „ein Zug“, mit dem mein Kind herumfährt und mit anderen Kindern spielt etc. Es ist spannend zu beobachten, was aus solch einem Objekt in verschiedenen Räumen und Kontexten wird.

Durch den Film (die Auswahl der Bilder, Szenen und SprecherInnen) und die Sticker habe ich letztlich Methoden gefunden, um meinen Handlungsspielraum zu erweitern. Ich entwickelte ein Designvermittlungsobjekt, die PLATZ-Prothese, ein Tool, um selbst aktiv werden zu können. Dabei entdeckte ich, dass ich so Möglichkeiten gewonnen habe, um bewusst gesellschaftspolitisch und kritisch Stellung zu einem Thema z.B. städteplanerischen Maßnahmen nehmen zu können.

Durch das Projekt kam es für mich zu spontanen bzw. nicht vorher geplanten Begegnungen und Unterstützungen von einigen Involvierten des Projektes sowie von meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Wer weiß, was sich daraus später einmal ergibt?!

Was hat meine Arbeit bewirkt?

Die Frage nach der Wirkung ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage, zumal sogar die Beschreibung der Wirkung auf mich selbst bereits einige Zeit benötigte, um für mich fassbar zu werden. Ich möchte an dieser Stelle meine Ansätze nennen, die ich in meiner künstlerischen Arbeit angewandt und getestet habe.

Empowerment-Ansätze in meinem Projekt

Ich habe eine irritierende Intervention an dem betreffenden öffentlichen Platz durchgeführt, um Aufmerksamkeit für eine Situation zu erzeugen. Die Wirkung ist aus meiner jetziger Sicht punktuell; ich kam mit einigen AnrainerInnen ins Gespräch, mit denen ich über den Platz diskutierte, was für mich sehr spannend war. Die AnrainerInnen freuten sich über mein Interesse, das ich ihnen und ihrer Lebensumgebung entgegenbrachte. Die Intervention ist nun Teil eines Videos, das im Rahmen meines Projektes entstand. Dieses kann ich jedoch auch in anderen Kontexten herzeigen, um über öffentliche Räume und ihre Wirkung zu sprechen. Ein erster Kontakt zur MA 18, Abteilung für Stadtentwicklung und Stadtplanung existiert. In diesem Zusammenhang wäre es eine spannende Entwicklung beispielsweise, KünstlerInnen in die Umgestaltungsprozesse von öffentlichen Räumen mit einzubeziehen.

Ein weiteres kleines Tool, das ich produziert habe, sind die `Guerilla-Sticker´. Damit können andere aktiv werden und ihre Meinungen und Kommentare im öffentlichen Raum sichtbar machen. Die Verteilung der Sticker erfolgte bisher nur punktuell und müsste weiter verfolgt werden, um effektiv wirken zu können und einen Wiedererkennungseffekt zu erzeugen.

Mit der PLATZ-Prothese habe ich ein Objekt entwickelt, das mir im Projekt geholfen hat, in einem kleinen Rahmen mit Menschen, AnrainerInnen in Kommunikation zu treten und eine Diskussion zu einem bestimmten öffentlichen Platz anzuregen. Es ist eine Art mobiler Kommentar, der öffentlich sichtbar gemacht wurde und Menschen herausforderte darauf zu reagieren und Stellung zu nehmen. Vielleicht könnte ich die Idee des mobilen Kommentars weiterentwickeln und in anderen Kontexten testen. Ich sehe mich hier am Beginn einer Idee, die ich weiterverfolgen und mit anderen diskutieren muss.

Bei den Diskussionsabenden unserer Ausstellung deconstruct war öfter die Rede von Zielgruppen und die Wirkung auf sie. Ich bin der Meinung, dass der Begriff `Zielgruppe´ nicht richtig ist. Es sollte nicht um eine einseitige Beziehungsübersetzung gehen, hier Input – dort Output, von hier die Intention – dort die messbare Wirkung. Die Zusammenarbeit und die Rahmenbedingungen unter denen Zusammenarbeit stattfinden und die ständige Bereitschaft darüber zu diskutieren sind das Wichtigste. Nur so kann man auf eine positive ermächtigende Wirkung bei allen am Ende vertrauen, auch wenn diese nicht sofort sichtbar bzw. fassbar ist. Bei künstlerischen Projekten im sozialen Feld begibt man sich als KünstlerIn oft auf ungesichertes Terrain, einzig die Art der Zusammenarbeit kann ausverhandelt werden, der Ausgang und das Endergebnis oder bei wem Wirkung entstanden ist, sind schwer vorhersehbar.

Empowerment, das bis hin zu Strukturen reichen kann, braucht meiner Meinung nach Ressourcen und sehr viel Energie und Zeit. 

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