Text zu einer Philosophie des Empowerns

Neue Arbeit – Neue Kultur
Beim Konzept der Neuen Arbeit – Neuen Kultur von Prof. Bergmann geht es nicht um ein Zurück zum Eigentlichen, Natürlichen, sondern darum: Zur Freiheit zu gelangen. Und zwar nach den Prinzipien von gegenseitiger Hilfe, Kooperation und wirklicher Zeit”genossenschaft”. Das “Il faut cultiver notre jardin” in Voltaires “Candide – Über die besten aller Welten”, kann man als Schlusspunkt als Ironie gegen das falsch verstandene “Zurück zur Natur” Rousseaus lesen. Man muss den Neubeginn am Ende aber auch nicht als Unterbrechung oder gar Pause in einem fortwährenden katastrophalen Geschichtszusammenhang interpretieren. Sondern es geht Voltaire vielleicht um neue Schläuche, um etwas radikal anderes. Zwar könnte man im Lehrer Pangloss einen heutigen neoliberalen Chefstrategen behaupten, den man dann widerlegen wollen würde, indem man postdemokratische und andere aktuelle Katastrophen beschreibt, also auf das Ausbleiben von unsichtbaren Händen verweist. Voltaires spottete überdeutlich gegen das verkürzte Philosophem von der “besten aller möglichen Welten”. Neue Arbeit hingegen ist da eher der Versuch, das Erbe Paines, Kropotkins und Bookchins weiterzudenken.
Die Fragen der Kollektivierung jenseits des Kommunismus, der alternativer Eigentums- und Produktionsmodelle. Hilfreich hier das Modell des Landguts Wolmar aus Rousseaus Nouvelle Heloise. “Hier gibt es keine erste Natur, alles wird durch ein kompliziertes System aus Kanälen und Bewässerungsanlagen hervorgebracht; das ‘zurück zur Natur’ bezieht sich auf eine zweite Natur, die hergestellt werden muss.”

NANK bezieht theoretisch auch die Diskussionen um das Saatgut, die Entwicklung von Open Source Hardware, die Kämpfe von Via Campesina , Allmende im Allgemeinen ein.
Aber im Kern geht es um das solidarische Arbeitsethos. Man kann das plausibel am Gartenbau als der Frage nach der “dritten Natur” behandeln, die heute wieder neu gestellt werden muss.
Die konkreten “Gärten”, die NANK kultiviert, sind Beispiele einer alternativen Ökonomie, einer Postwachstumsökonomie, einer neuen Kultur. Es geht darum Geschichten zu erzählen von Menschen, die neu beginnen, die sich das zutrauen, die die Kruste der Realmacht sprengen und gegen alle Mehrheitsverhältnisse und Wahrscheinlichkeitsprognosen einen Neubeginn wagen, der in allen Punkten (oder so ziemlich allen) Punkten anders denkt, als die “Spaziergänger der Wirklichkeit”, als die Alexander Kluge einmal die bequemen Zeitgenossen bezeichnet hat.

Was ist das: “Calling. Das wirklich, wirklich wollen.” Und was heißt es, an diesen Punkt heranzukommen?
NANK dehnt das was auf der letzten Seite des Candide steht gerne aus, und bemüht sich um den Neuanfang, das Beackern des Gartens. Eine Art Schlichtung zwischen Voltaire und Rousseau, statt um alten Zwist. NANK ist eine Lesart des Candide die tatsächlich optimistisch ist und argloser als die Schopenhauers, eine affirmative Identifizierungmit der kleinen Gruppe Überlebender, die sich der fortwährenden Polemik des Unausweichlichen verwehrt schlicht weil man ja der Ansicht sein kann, das könne einfach nicht alles gewesen sein. Nachdem sich Gott, dessen Stellvertreter, und die übrige herrschsüchtige Welt der Kolonisatoren als katastrophal erwiesen haben, ja die Natur selbst auch willkürlich einen jeden vom Platz zu fegen scheint, wie das Erdbeben von Lissabon beweist, findet die Gruppe Versehrter schließlich an der Grenze von Orient und Okzident einen neuen Halt.
Nichts weniger als das Überleben der Gattung ist das Thema. Auch hier macht Voltaire ursprünglich hauptsächlich lakonisch, radikale Anti-Psychologisierend die Kehrtwende zum Aufklärer, Unternehmer und selbst Landbesitzer den Menschen ein wirkliches Angebot: Nehmt eure Geschicke selbst in die Hand! Und noch mehr: Folgt den Lektionen des Derwisch und des Türken, die dem Leser am Ende des Romans etwas an die Hand geben, und die Schweigen, statt endloser Geschwätzigkeit, die Bescheidenheit statt Kolossalität, die wirklichen Pragmatismus und ein kooperatives Arbeitsethos lehren, das einzig einen Ausweg aus dem katastrophalen Istzustand aufweisen kann.

Gleichwohl darf man nicht außer Acht lassen, dass Candide die Meierei am Ende käuflich erwirbt, dass das Grüppchen, das das Land bebaut, also damit noch lange nicht die Eigentumsfrage geklärt hat, und dass damit noch keine neue Form des “common” oder der “Allmende” gefunden wurde.
„Der Mensch hat viele Naturdinge denaturiert, um sie besser seinen Gebrauchszwecken anzupassen; dafür ist er überhaupt nicht zu tadeln.“ Dieser Satz Rousseaus, der damit eine Synthese zwischen erster und zweiter Natur vorschlägt, ist ja sehr aktuell (und gefährdet, ideologisch vereinnahmt zu werden); folgt man den Überlegungen der grünen Ökonomie (so ideologisch, da wachstumsorientiert sie sein mag und den Terminus von „der besten aller möglichen Welten“ bisweilen eigentlich nur wiederholt), einen sinnvolleren, nachhaltigeren Gebrauch der Technik zu gewährleisten, oder vertraut heutigen Denkern eines neuen wissenschaftlichen Sozialismus wie Dietmar Dath darin, die technischen Möglichkeiten so auszuloten, das sie in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft zum Wohle aller gereichen könnten. Da käme es für mich darauf an, herauszufinden, wie man einer Wiederbelebung leninistischer Politk vorbeugen kann, indem die “dritte Natur” nicht am Ende dennoch ein paar Privilegierten vorbehalten bleibt.
Angesichts der Übermacht des gegenwärtigen weltwirtschaftlichen und finanzpolitischen Kapitels, das neu zu schreiben ist. Eine Geschichte, die wirklich danach frägt, was das heißen kann, unseren Gärten zu bebauen. Mit einem Schluss nicht als unwahrscheinliche Ausnahme im sowieso hoffnungslosen und nur noch spottwürdigen Verlauf der Weltgeschichte gedeutet, also gegen Thatcher gesprochen: “There is society. There is an alternative.” Wie kann man sich den “Oikos” heute jeweils vorstellen, vazierend von Dorf zu Dorf von Beziehung zu Beziehung ziehend, und Formen der freiwilligen Kollektivierung aufbauend?

Advertisements

About this entry