Empowerment und Lebenswelt von Frank Mathwig

 

Bürgerinnen und Bürger sollen mehr Eigenverantwortung übernehmen in einer Gesellschaft, wo Beziehungen flüchtig und Anforderungen rasch wandelnd sind. Empowerment soll den «flexiblen Menschen» krisenresistenter machen. Eigenverantwortlich handeln kann der Einzelne jedoch nur, wenn es die Verhältnisse zulassen. Zu Ambivalenzen des sozialpsychologischen Begriffs Empowerment.
Frank Mathwig

Nicht brauchen, nicht können, nicht dürfen – diese Wörter bringen das ganze Dilemma der Sozial- und Gesundheitspolitik auf den Punkt: Die immer weiter fortschreitende Professionalisierung im Sozial- und Gesundheitswesen braucht nicht mehr die (Eigen-) Initiative der Betroffenen. Die «fürsorgliche Belagerung» [1] durch Expertinnen und Experten in einem kaum noch überschaubaren Netz aus Institutionalisierungs-, Verrechtlichungs- und Bürokratisierungsprozessen reduziert Eigenverantwortung mehr oder weniger darauf, Antragsformulare auszufüllen. Wer sich damit nicht zufrieden gibt, wird sogleich belehrt, dass es anders nicht sein darf.
Resultat sind Verhaltensweisen «erlernter Hilflosigkeit» [2], also die bürokratisch erzeugte Unfähigkeit zur Wahrnehmung und Durchsetzung eigener Interessen, begleitet von der fürsorglichen bis mitleidigen Behauptung: «Du kannst es ja nicht mehr.»

«Da es dem König aber wenig gefiel, dass sein
Sohn, die kontrollierten Strassen verlassend,
sich querfeldein herumtrieb, um sich selbst
ein Urteil über die Welt zu bilden, schenkte er
ihm Wagen und Pferd.
‹Nun brauchst Du nicht mehr zu Fuss gehen›,
waren seine Worte.
‹Nun darfst Du es nicht mehr›, war deren
Sinn.
‹Nun kannst Du es nicht mehr›, deren Wirkung.»
Günther Anders: Kindergeschichten

Die aktuellen Empowerment-Konzepte lesen die Geschichte des Königsohns in gewisser Weise rückwärts: Die aus dem väterlichen Kontrollbedürfnis resultierende Erziehung zur Unmündigkeit bildet den Ausgangspunkt. Es geht darum, den bequemen – aber aufdiktierten – Wagen in die Ecke zu stellen und auf eigenen Füssen stehen und gehen zu lernen. So wird Empowerment als «das Anstiften zur (Wieder-)Aneignung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens» verstanden. «Ziel der Empowerment-Praxis ist es, die vorhandenen (wenn auch vielfach verschütteten) Fähigkeiten der Adressaten sozialer Dienstleistungen zu autonomer Lebensorganisation zu kräftigen und Ressourcen freizusetzen, mit deren Hilfe sie die eigenen Lebenswege und Lebensräume selbstbestimmt gestalten können.» [3]

Bekanntlich hält sich das konkrete Leben selten an die Definitionen der Fachleute. So lässt sich wohl erklären, weshalb Empowerment-Konzepte so stark Akteur-fixiert sind, und deshalb die Strukturen für individuelles
Handeln in der Gesellschaft seltsam unterbestimmt bleiben.

Angesichts dieser Unterbestimmung stehen Empowerment-Konzepte latent in der Gefahr, eine prekäre Koalition mit politischen Forderungen nach «mehr Eigenverantwortung» einzugehen. Unter dem Deckmantel der Liberalität werden gesellschaftlich erzeugte Probleme den davon Betroffenen selbst aufgebürdet. Jede und jeder wird – nach dieser Strategie – zum Schmied des «eigenen Glücks». Vergessen wird dabei, dass die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Einzelnen, das jeweils eigene Eisen im Feuer zu halten, höchst ungleich verteilt sind.

Gesellschaftliche Ambivalenzerfahrungen

Pluralistische Gesellschaften sind aus sozialphilosophischer Perspektive durch einen fortlaufenden «Formwandel der sozialen Integration» gekennzeichnet. «Die Entbindung aus einer stärker integrierten Lebenswelt entlässt die Einzelnen in die Ambivalenz wachsender Optionsspielräume. Sie öffnet ihnen die Augen und erhöht zugleich das Risiko, Fehler zu machen.» [4] Die Welt, welche die Menschen vorfinden und in die sie hineinwachsen, ist weit weniger vorgegeben als in der Vergangenheit. Die Zunahme individueller Freiheiten hat allerdings ihren Preis: Die eigene Lebenswelt als Handlungsraum muss immer mehr selbst von der und dem Einzelnen überhaupt erst entworfen werden. Aber wozu befreien liberale Gesellschaften ihre Mitglieder? Und vor allem, was anfangen mit der gewonnenen Freiheit?

Der einzelne Mensch ist gefragt und gefordert. Und er ist – wie immer deutlicher wird – überfragt und überfordert. Solche Überlastungsphänomene lassen sich überall beobachten. Die veränderten Arbeitsbedingungen in hochgradig ausdifferenzierten Gesellschaften fordern einen «flexiblen Menschen», den der US-amerikanische Soziologe R. Sennett in seinem gleichnamigen Buch analysiert hat. [5] Die Lebensbedingungen des «flexiblen Menschen» sind gekennzeichnet durch schnellere Wechsel, welche es immer mehr erschweren, Identifikation und Loyalität herauszubilden und sich auf bestimmte Ziele zu verpflichten. «Schwache Bindungen» und «Flüchtige Formen von Gemeinsamkeit» treten an die Stelle langfristiger und kontinuierlicher sozialer Beziehungen. Der flexible Mensch reagiert darauf mit einem «nachgiebige[n] Ich», mit einer «Collage von Fragmenten, die sich ständig wandelt, sich immer neuen Erfahrungen öffnet» und der das permanente Risiko zur neuen Heimat geworden ist. Freiheit wird zu einem riskanten Unternehmen – riskant, weil sie selbst nicht auf freier Wahl beruht, sondern als Aufgabe dem Subjekt vorgegeben ist: Genauso wie wir nicht nicht kommunizieren können [6], können wir nicht nicht entscheiden.

Der französische Soziologe A. Ehrenberg diagnostiziert in unserer Gesellschaft «La Fatigue d’être soi» – die Müdigkeit, man selbst zu sein. [7] Diese Müdigkeit äussert sich als depressive Hemmung und Antriebsschwäche gegen- über der gesellschaftlichen Forderung nach Aktivität und Initiative. Die Flucht ins Pathologische wird zum Ausweg in einer Gesellschaft, in der individuelle Verantwortung ins Grenzenlose anzuwachsen scheint.

In der Depression «emanzipiert» sich das überforderte Individuum von den anspruchsvollen Folgen der Emanzipation selbst. Laufen Empowerment-Konzepte vor dem Hintergrund dieser kurz angerissenen Problemkonstellationen nicht exakt in die falsche Richtung? Verstärken sie womöglich sogar solche individualisierende, das einzelne Subjekt tendenziell überfordernde Trends? Müsste Empowerment nicht vielmehr jene fragmentierenden gesellschaftlichen Strukturen kritisch in den Blick nehmen und gesellschaftliche Kohäsionskräfte aktivieren, anstatt auf die Einzelperson zu fokussieren? Machen Empowerment-Konzepte letztlich nicht nur den flexiblen Menschen von Sennett krisenresistenter und besser verwertbar?

Reorganisation der Lebenswelt

Solchen Dilemmata entgehen Empowerment-Konzepte nur dann, wenn sie die Komplementarität von individuellen und sozialen Verhältnissen konzeptionell integrieren können. Sie müssen sozialphilosophisch als Beiträge zur «Reorganisation der Lebenswelt» unter den «Dimensionen der Selbstverwirklichung» entworfen werden.
Diese Aufgabenbestimmung unterscheidet sich von gängigen Empowerment-Definitionen darin, dass sie bewusst auf Gesellschaft beziehungsweise Lebenswelt fokussiert und nicht auf einzelne Handlungssubjekte.
Empowerment und «Eigenverantwortung» zu fordern ergibt nur dann einen Sinn, wenn gleichzeitig die tatsächlichen Teilhabe- und Gestaltungsmöglichkeiten ausgeweitet werden. Der Appell richtet sich realistisch und
berechtigt an diejenigen, die in der Lage sind, ein eigenverantwortliches Leben zu führen beziehungsweise die gesellschaftlichen Strukturen mitzugestalten. Das aus der Sozialmedizin bekannte Ergänzungsverhältnis von Verhaltens- und Verhältnisprävention gilt auch hier: Es ist sinnlos, ein bestimmtes Verhalten von den Bürgerinnen und Bürgern zu fordern, wenn die Verhältnisse es nicht zulassen. Oder mit den Worten des Gemeindepsychologen J. Rappaport: «Having rights but no resources and no services available is a cruel joke.» [8]. Die Handlungsfixierung von Empowerment neigt dazu, dieses Bedingungsverhältnis unterzubelichten beziehungsweise auszublenden. Damit werden aber die Opfer gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen (nachträglich) zu Tätern ihrer Lage gemacht.

Empowerment-Konzepte müssen bei der sozialen Wirklichkeit von Beteiligungs- und Ausschlussverhältnissen ansetzen. Blenden Selbstbefähigungsmodelle diese Realität aus, bewegen sie sich auf dem gleichen Plausibilitätsniveau, wie der Spontiratschlag im Titel der Shell-Jugendstudie von 1980: «Du hast keine Chance, aber nutze sie!»

Autor:
Dr. Frank Mathwig Beauftragter für Ethik Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund
Institut für Theologie und Ethik
Sulgenauweg 26
3007 Bern
frank.mathwig@sek-feps.ch

Literatur:
1. Vgl. Keupp, H., Von der ‹fürsorglichen Belagerung› zur ‹eigenen Stimme› der Betroffenen, in:
Geislinger, R. (Hg.), Experten in eigener Sache.
Psychiatrie, Selbsthilfe und Modelle der Teilhabe,
München 1998, 19–30.
2. Vgl. Seligman, M.E.P., Erlernte Hilflosigkeit,
München u.a. 1979.
3. Herriger, N., Empowerment , in: Fachlexikon
der sozialen Arbeit. Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge, Frankfurt/M. 52002,
262 f.
4. Habermas, J., Die postnationale Konstellation.
Politische Essays, Frankfurt/M. 1998, 126 f.
5. Sennett, R., Der flexible Mensch. Die Kultur
des neuen Kapitalismus, Berlin 1998.
6. Vgl. Beavin, J.H., Jackson, D.D., P. Watzlawick, Menschliche Kommunikation. Formen,
Störungen, Paradoxien, Bern 1969.
7. Dt.: Ehrenberg, A., Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart,
Frankfurt/M, New York 2003.
8. Rappaport, J., In praise of paradox: A social
policy of empowerment over prevention, in:
American Journal of Community Psychology,
9/1981, 337–356, hier 268.

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