Anna Moser, Julia Poscharnig – RAUMERWEITERUNG. Grenzen finden. Spuren ziehen.

TOOLKOFFER

LEITGEDANKE.

Im Sommer 2011 führten wir eine künstlerische Intervention im öffentlichen Raum im Rahmen von Tatort Hernals durch.
Mit einem Tape klebten wir die Bezirksgrenzen des 17. Wiener Gemeindebezirks ab, und machten so Grenzen sichtbar, welche alle, die sich im öffentlichen Raum bewegen, täglich überschreiten. Das Verhalten jener, die sich mit den plötzlich vorhandenen Grenzen konfrontiert sahen, wurde dokumentarisch festgehalten und zum eigentlichen Kerngedanken der Intervention.

Tatort Hernals, Abtapen und Sichtbarmachen von Bezirksgrenzen

Tatort Hernals, Abtapen und Sichtbarmachen von Bezirksgrenzen

Tatort Hernals, Abtapen und Sichtbarmachen von Bezirksgrenzen

Tatort Hernals, Abtapen und Sichtbarmachen von Bezirksgrenzen

Tatort Hernals, Abtapen und Sichtbarmachen von Bezirksgrenzen

Tatort Hernals, Abtapen und Sichtbarmachen von Bezirksgrenzen

Die Reaktion der PassantInnen war für uns besonders interessant, da es die Frage thematisierte, ob ein demokratischer, öffentlicher Raum, der von allen in demselben Maße genutzt werden sollte, überhaupt existiert.

Aufgrund des Verhaltens der Menschen entwickelten wir den Gedanken, dass Zuschreibungen und eingelerntes Verhalten dazu führen, den öffentlichen Raum nicht mehr als demokratischen wahrzunehmen, sondern die Möglichkeiten, sich frei zu bewegen, enger geworden sind.

Zeitgleich wurde von Queraum, einem Institut für Kultur- und Sozialforschung im Auftrag der MA18 eine Studie zum Thema Raumwahrnehmung und Verunsicherungsphänomene anhand von vier Plätzen in Wien (Schwedenplatz, Reumannplatz, Praterstern und Brunnenmarkt/Yppenplatz) veröffentlicht. Im Rahmen des Kurses Erschließung außerschulischer Berufsfelder (Elizabeth McGlynn) setzten wir uns mit dieser Studie auseinander, beobachteten den Brunnenmarkt/Yppenplatz zu unterschiedlichen Zeitpunkten und kamen zu dem Schluss, dass Verunsicherung und Sicherheitsgefühl sehr individuelle Eindrücke darstellen, die auch auf Vorurteilen und medial geprägten Vermutungen basieren, und nicht für alle Gruppen, die den Raum nutzen, zutreffen.

In der Reflexion unserer Beobachtungen, wie Menschen mit dem öffentlichem Raum und (sichtbar gemachten) Grenzen umgehen, und wie (Un-) Sicherheitsgefühle das Verhalten im öffentlichen Raum beeinflussen, entstand die Idee, NutzerInnen dieser Räume selbst dazu zu animieren, diese Plätze zu bespielen und ihre individuell geprägten Zuschreibungen von Orten sichtbar zu machen.

Dabei soll auch der Wichtigkeit des Hinterlassens von Spuren im öffentlichen Raum, besonders für Jugendliche, Rechnung getragen werden. Zu diesen Spuren gehören Graffitis und Tags mit dem eigenen Namen, bzw. einem Pseudonym, aber auch das Anpassen von Infrastruktur gemäß den eigenen Bedürfnissen, oder, weniger bewusst, zurück gelassener Müll.

Über das Hinterlassen sichtbarer Spuren positioniert man sich selbst und andere. Speziell Jugendliche versuchen, sich im öffentlichen Raum Freiräume zu schaffen, die sie in geschlossenen sozialen Systemen, wie zum Beispiel der Familie, nicht haben. Das kann aber auch Konflikte verursachen, nämlich, wenn Räume von anderen Gruppen genutzt werden, die sich dadurch in ihrer Raumnutzung eingeengt fühlen. An Orten, wo mehrere Gruppen aufeinander treffen, ist, aufgrund von unterschiedlichen Interessen, das Konfliktpotential sehr hoch.

Jugendliche adaptieren Infrastruktur auf einem Spielplatz nach ihren Bedürfnissen

Jugendliche adaptieren Infrastruktur auf einem Spielplatz nach ihren Bedürfnissen

Wir entwickelten die Idee eines bedürfnis-, und ressourcenorientierten Toolkoffers, der eine große Bandbreite an Möglichkeiten zur künstlerischen Intervention im öffentlichen Raum bietet.

Der Koffer, der in Form einer Broschüre mit Handlungsanweisungen existiert, steht allen Altersgruppen offen und soll ermöglichen, untereinander in Interaktion zu treten, Spuren zu hinterlassen, die reversibel sind, und die eigene Verstandortung im öffentlichen Raum durchzuführen.

Zwischenzeitlich wurde der Koffer bereits in zahlreichen Kontexten erprobt.

In der Arbeit mit Jugendlichen der Betreuungseinrichtung BOS 16/17, im Rahmen des Kunstunterrichts, während eines Workshops anlässlich des Internationalen Tags der Architektur (organisiert vom Tschechischen Zentrum Wien und Raumschule) mit Kindern zwischen neun und zwölf, sowie in der individuellen künstlerischen Arbeit mit jungen Erwachsenen.

Jugendliche von BOS 16/17 tapen auf einem von ihnen häufig genutzten Platz ihre Grenzen

Kinder beim Tapen am Boden im Tschechischen Zentrum (Int. Tag der Architektur)

Kinder beim Tapen am Boden im Tschechischen Zentrum (Int. Tag der Architektur)

Jugendliche bei der künstlerischen Intervention mit Tapes

Jugendliche bei der künstlerischen Intervention mit Tapes

Kinder beim Tapen am Boden im Tschechischen Zentrum (Int. Tag der Architektur)

Kinder beim Tapen am Boden im Tschechischen Zentrum (Int. Tag der Architektur)

Jugendliche bei der künstlerischen Intervention mit Tapes

Jugendliche bei der künstlerischen Intervention mit Tapes

Jugendliche bei der künstlerischen Intervention mit Tapes

Jugendliche bei der künstlerischen Intervention mit Tapes

Jugendliche bei der künstlerischen Intervention mit Tapes

Jugendliche bei der künstlerischen Intervention mit Tapes

FUNKTION.

Der Toolkoffer besteht in Form einer Broschüre mit unterschiedlichen Handlungsanweisungen – Aktionen – die, je nach Kontext zu adaptieren, im öffentlichen Raum mit einfachen Mitteln durchgeführt werden sollen.

Die Ergebnisse der künstlerischen Intervention können unter >>> http://grenzenfindenspurenziehen.wordpress.com gepostet werden, wo auch noch Broschüren mit den Handlungsanweisungen und Arbeitsblätter downgeloaded werden können.

>>> Broschüre: RAUMERWEITERUNG. Grenzen finden. Spuren ziehen.

KÜNSTLERINNEN.

Anna Moser, MMag.a. art., studierte von 2005 bis 2009 Malerei, Animationsfilm und Tapisserie bei Christian Ludwig Attersee, von 2008 bis 2012 in den Klassen Kunst und Kommunikative Praxis und Textil, Design, Styles bei Barbara Putz-Plecko und seit 2012 Design, Architecture and Environment bei James Skone.

Julia Poscharnig studiert seit 2004 in der Klasse Kunst und Kommunikative Praxis, zuerst bei Erwin Wurm, 2005 wurde die Klasse von Barbara Putz-Plecko übernommen, Französisch und Deutsche Philologie, und seit 2012 Design, Architecture and Environment bei James Skone. Seit Herbst 2012 unterrichtet sie Bildnerische Erziehung, Technischs Werken und Textiles Gestalten am BRG Waidhofen/ Ybbs.

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