Claudia Kragulj – Platz-Testerinnen am Rabbiner-Friedmann-Platz (Teil 2)

„Ang´schraubt“
„Durchhänger“
„Z´kurz“
„Balanceakt“
„Rückenansicht“
„Kuckuuuck!“
„Ist da wer?“
„Ham´s schon g´hört?!“
„Wirklich!?“
„Fliiiieegen!!“
„Ent-hüllt“

(12 Farbfotografien, 2011; © Claudia Kragulj, Tina Murg)

Mittels eigener Körperwahrnehmungen den Rabbiner-Friedmann-Platz im 2. Bezirk in Wien sinnlich zu erfassen und fotografisch zu dokumentieren, war der Beginn der künstlerischen Recherchearbeit.
Wir schlüpften in Arbeitsgewänder und in die Rolle von Platz-Testerinnen: Wie funktioniert der Platz? Welche Möglichkeiten bieten die am Boden fixierten Sessel und die Art der Anordnung? Was verhindern und verunmöglichen sie? Wie fühlen wir uns als Testerinnen, was passiert dabei mit uns? Für wen wurde der Platz konzipiert, wer wird dabei ausgegrenzt?

Die Fotografie hierbei als Quelle für Datenmaterial zu nutzen ist eine Methode, die aus der visuellen Anthropologie entlehnt und für künstlerische Zwecke nutzbar gemacht wurde.

Ergebnisse:
– die Sessel laden zum kurzen Ausruhen, kurzen Verweilen und zum Plaudern zu zweit oder dritt ein
– die Anzahl der gemeinsam Sitzenden und Kommunizierenden ist durch die Zweier- oder Dreier- Sitzgruppen vorgegeben
– die Sesseln und Ihre Anordnung geben die Art zu sitzen, die Blickrichtung und die Größe der Kommunikationsgruppen vor
– die Anordnung der Sitze gibt die Gesprächssituation selbst vor
– Liegen ist nicht möglich
– Der Platz wirkt wie eine kleine Bühne, wo es um sehen und gesehen werden, geht
– Gefühl von Exponiertheit
– ungeschützt vor Sonne, es gibt keine Schattenspender
– es gibt keine Möglichkeit, um etwas aufzulegen, zu schreiben, lesen oder essen

Die Möglichkeiten den Platz auf vielfältige Weise zu nutzen sind eingeschränkt. Es liegt zudem nahe, dass Obdachlose und Jugendgruppen von hier ferngehalten werden sollen.

Nach einer Analyse der Fotos ging es in der zweiten Phase darum ein Objekt für diesen Platz, der wenig frequentiert ist, zu entwickeln – die PLATZ-Prothese.


„PLATZ-Prothese, 2012“

Die PLATZ-Prothese ist eine Form, um in den Platz (Rabbiner-Friedmann-Platz, 1020 Wien) einzugreifen. Sie soll als Modell dazu dienen den Platz um einige Funktionen zu erweitern und eine andere Art der Nutzung des Platzes zu ermöglichen.

Mit der Zeit entwickelte sich die PLATZ-Prothese immer mehr zu einer Metapher, einem Design-Vermittlungskonzept. Sie wurde zum Werkzeug und Mittel, um anzuregen über öffentliche Räume nachzudenken und diese selber zu testen.
Schließlich verselbständigt sich die PLATZ-Prothese immer mehr und es ergeben sich weitere Fragen:
Wie verändern sich Räume, wie reagieren Menschen, wenn ein einfaches mobiles boxartiges Objekt irgendwo hingestellt bzw. dazu gerollt wird, wenn ich mich zu jemandem dazusetzen kann, mich auf das Objekt legen oder darauf schreiben kann? Wie wird es von PassantInnen verwendet? Wozu regt es an?


Video „PLATZ-Prothese“ (19,23 Minuten)

Das Video entstand im Juli und September 2012 als Zusammenschau eines künstlerischen Forschungsprojektes, das sich mit dem öffentlichen Raum, konkret, dem Rabbiner-Friedmann-Platz im 2.Wiener Gemeindebezirk, auseinandersetzt. Für diesen Platz entstand u.a. ein Objekt – die PLATZ-Prothese.

Der Film ist in 3 Abschnitte gegliedert.
Der erste Teil zeigt die Reise der Künstlerin mit der PLATZ-Prothese vom Atelier bis zum Rabbiner-Friedmann-Platz in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Im zweiten Teil testet sie die verschiedenen Funktionen und Anwendungsmöglichkeiten der PLATZ-Prothese am Platz selbst aus und spricht mit AnrainerInnen.
Im dritten Teil verselbständigt sich die PLATZ-Prothese und verlässt den Platz, für den sie ursprünglich konzipiert wurde.
Dankeschön für die Unterstützung: Antonia Kragulj, Gökmen Erdoğan, Barbara Schwertführer (Kameraaufnahmen der ersten zwei Teile)

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