Julia Poscharnig, Anerkennung. Ein Text in Zeichensystemen.

 

Die künstlerische Arbeit untersucht Methoden sozialwissenschaftlichen Arbeitens, und geht dabei der Frage nach, was artistic research am konkreten Beispiel der Bearbeitung des sozialwissenschaftlichen Textes von Ursula Holtgrewe Arbeit und Konstruktion von Anerkennung in der Dienstleistungsgesellschaft leisten kann.

 

Julia Poscharnig, Buch aus Gipsbinden

 

Der bearbeitete Text von Ursula Holtgrewe über Anerkennung am Arbeitsplatz wurde im Zuge der rezipierenden Auseinandersetzung auf inhaltliche wie systemische Zusammenhänge hin untersucht. Darauf aufbauend wurde ein System an Zeichen entwickelt, die die Struktur des Textes hervorkehren und den Text einerseits als Textur, etwas Gewebtes, andererseits den Text als Skulptur verstehen lassen.

Die Zeichensprache besteht aus immer wieder verwertbaren Elementen, mit Hilfe derer der Textinhalt in Bilder umgesetzt werden kann, und durch deren Kombination eine Verkettung und Verwebung von Aussagen genauso möglich ist, wie durch das klassische syntaktische Mittel: Text.

Die Zeichen erlauben es, im Gegensatz zu einer reinen Schriflichkeit, die textimmanente Information auch visuell nachvollziehbar zu machen, was ein Verständnis des Textes vereinfachen, in jedem Fall aber textimmanente Strukturen in einem Bild, bzw einer kurzen Bildsequenz aufzeigen kann.

Das Bildsystem, das auf Techniken der Design Visualization verweist, kann aufgrund der versuchten breiten Gültigkeit der Zeichen auch auf andere Texte übertragen werden. Denn in der Beschäftigung mit sozialwissenschaftlichen Texten wird sichtbar, dass diese immer einem gewissen Schema folgen: Eben dieses „typische sozialwissenschaftliche Arbeiten“, das sich in seiner Systematik immer wieder wiederholt, weswegen hier Zeichen, die einfach verständlich und Bausatz-gleich zu immer neuen Variationen kombiniert werden können, sinnvoll erscheinen – erlauben sie doch ein schnelles Erfassen des Inhalts und können dazu führen, auch intertextuelle Bezüge zwischen zwei oder mehreren Texten visuell, nämlich durch die zeichenrische Aufbereitung, nachvollziehbar zu machen.

Die Zeichen wurden in einem Buch dem Text gegenüber gestellt, wobei dieser von Hand auf einer Schreibmaschine noch einmal abgetippt wurde, was zum einen sehr eng mit dem Thema der Anerkennung von Leistung (hier von Holtgrewe) einhergeht, andererseits aber auch die Mühsal in der Erarbeitung des schwierigen Textes widerspiegelt.

Die sich so auf mehreren Ebenen mit dem Thema Anerkennung beschäftigende Arbeit greift die allgemeine Problematik sozialwissenschaftlicher Texte auf, nicht gelesen zu werden. Durch die Mühsal des Tippens und durch die intensive Auseinandersetzung erhält der Text nun jene Achtung, die er eigentlich verdiente. Auf einer konkreten Ebene wird der Inhalt des Textes rückgeführt.

Darüber hinaus widerspricht das analoge Schriftbild der Schreibmaschine, die Unregelmäßigkeit des Schriftbildes, und die händisch ausgeführten Zeichnungen jeglichen Konventionen empirischer Wissenschaften, wenngleich der Inhalt derselbe ist.

 

In einem zweiten Buch existieren die Zeichen für sich, nehmen daher einen erzählerischen Charakter ein, und werden nur von kurzen Erläuterungen begleitet. Es bleibt die Frage, ob sie alleine verständlich bleiben, was den Zeichensystemen ein gewisses Maß an Autonomie einräumte, oder nur in Kombination mit dem Text nachvollziebar sind.

 

 

Anschließend wurde versucht,  Zeichen aus dem System, bzw. zentrale Aussagen des Textes, die ja bereits umgewandelt worden sind in ein Bildsystem, in ein weiteres Medium zu übertragen, ohne sich jedoch formal und ästhetisch allzu weit von der Haptik des Ausgangstextes zu entfernen.

Das Trägermedium dabei waren Gipsbinden, da sie in Referenz an das Verständnis von Text als Gewebe/ Textur, das Aussagen und Inhalte verwoben hält, am geeignetsten scheinen, bzw. am Besten das Wesen dieses vorliegenden Textes auch haptisch wiedergeben. Die Brüchigkeit und Fragilität trockener Gipsbinden entspricht der Zerbrechlichkeit des Textes, der ebenso vielschichtig, und durch seine Vielfacettigkeit schwer zu lesen ist.

 

 

 

Die Zeichen wurden mit Garn auf die Gipsbinden aufgestickt, da wo sich Inhalte häufen, wird der Gips brüchig und zerfällt – allerdings bleibt nun die Frage offen, ob es sich hierbei nicht „nur“ um ein rein ästhetisches Objekt handelt.

 

Im Zuge der Reflexionen mit Ursula Holtgrewe und Elizabeth McGlynn aber wurde die Qualität Rückseite der bestickten Gipsbinden diskutiert, die sich künstlerisch anspruchsvoller als die Vorderseite präsentieren; die Hinterseite stellt die Mühsal der Arbeit, die Verwebungen der Textinhalte und die Bezüge der Inhalte untereinander dar, und verweist daher auch wieder auf die mögliche Leistung von künstlerischer Forschung.

 

 

 

Allgemein scheint es schwierig, Zeichensysteme zu entwickeln, ohne eine vorangehende, intensive und vor allem geduldige Auseinandersetzung mit der jeweiligen fremden Materie. Hier erwiesen sich wohl dieselben Hürden als relevant, wie bei einer herkömmlichen Rezeption eines wissenschaftlichen Textes: Der komplexe Inhalt erschließt sich Nicht-Eingeweihten nur schwer bis gar nicht, und wichtige Aussagen bleiben hinter kryptisch formulierten Sätzen verborgen.

Durch Gespräche mit der Sozialwissenschaftlerin Ursula Holtgrewe ließen sich textexterne Inhalte, auf die der Text selbst referiert, aufspüren und in dem Zeichensystem verarbeiten, was gegenüber der rein textuellen Verarbeitung einen Mehrwert darstellt.

Die zeichnerische Umsetzung des Textes erlaubt auf Basis einer direkten Beschäftigung zusammen mit der Sozialwissenschaftlerin Methoden der empirischen Wissenschaft zu übernehmen, aber in ein anderes, künstlerisches und damit breitenwirksameres Medium zu transportieren, und Inhalte, Bezüge und Reaktionen rückzuspielen.

 

 

 

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